Cholets: Opulente neoandine Architektur

In der Architektur von Cholets drücken sich die Besonderheiten und die Identität eines speziellen Anden-Volkes aus, den Aymara. Diese Gebäude haben dank ihrer kräftigen Farben und geometrischen Designs mit Anden-Motiven auch internationale Anerkennung erfahren.
 

Cholets sind das Produkt einer opulenten Anden-Architektur. Die Gebäude, die dieser neoandine Stil hervorbringt, sind dank ihrer Farbigkeit und geometrischen Designs unverwechselbar und einzigartig. Darüber hinaus haben sich diese Cholets im Hochland der Anden auch zu einem sehr gefragten architektonischen Trend entwickelt.

Dieser neue Stil ist das Resultat der unermüdlichen Bemühungen Freddy Mamanis und seiner Suche nach einer zeitgenössischen Ausdrucksform für die Identität der Aymara. Bevor Mamani Ingenieur und Baumeister wurde, arbeitete er als Maurer.

Freddy Mamani konzentriert seine Tätigkeit hauptsächlich auf die Stadt El Alto, die sich am Stadtrand von La Paz in Bolivien befindet. Diese schnell wachsende Stadt ist das Resultat der Zuwanderung vieler Menschen aus den ländlichen Gebieten Boliviens.

Vor über fünfzig Jahren haben sich die ersten Siedler in El Alto niedergelassen. Seither wächst die Bevölkerung der Aymara-Bourgeoisie kontinuierlich weiter. Und Freddy Mamani ist ihr Lieblings-Architekt.

Freddy Mamani, ein autodidaktischer Architekt

Cholets - Freddy Mamani

Der bolivianische Architekt wurde in der kleinen aymaranischen Gemeinde Catavi in der Aroma-Provinz von La Paz geboren. Vor ungefähr 20 Jahren begann er, als Maurergehilfe zu arbeiten.

Nach seiner Tätigkeit als Maurer beschloss er, sich zu spezialisieren und begann ein Studiun an der technischen Fakultät für Zivilbauten an der Universidad Mayor de San Andres. Danach studierte er Bauingenieurwesen an der Universidad Bolivia de Informatica und außerdem Architektur im Selbststudium.

 

Der neoandine Cholet-Stil war von Anfang an erfolgreich und dieser Erfolgskurs setzt sich weiter fort. Alles begann, als Francisco Mamani, ein gewerblicher Telefon-Importeur, ein Gebäude bauen wollte. Obwohl er noch gar nicht genau wusste, wie er es bauen wollte, kontaktierte er Freddy Mamani.

Daraufhin schlug Freddy vor, ein elegantes Gebäude zu errichten, das mit Motiven und Farben der Anden verziert werden sollte. Darüber hinaus sollte das Gebäude große Räume für Veranstaltungen beinhalten. Da es bisher kein vergleichbares Gebäude gab, bedeutete dieser Vorschlag eine große Veränderung für die Stadt. Aber nach dessen Fertigstellung gab es insgesamt mehr als 70 ähnliche Kreationen.

Diese Gebäude haben sechs Stockwerke und stehen im Mittelpunkt der städtischen Szene von El Alto. Ihre kräftigen Farben sind der erste Aspekt, der die Blicke auf sich zieht.

Da die Gebäude in El Alto aus unverputzten Ziegelsteinen gebaut sind, ist es absolut unmöglich, die leuchtenden Farben der Cholets zu übersehen. Die Ziegelbauten bilden die monochrome, kalte und etwas eintönige Kulisse der Stadt.

Meine Architektur ist keine exotische Architektur; sie ist vielmehr eine Anden-Architektur, die Identität vermittelt und die Essenz einer Kultur wieder herstellt.

–Freddy Mamani–

 

Cholets – die opulente neoandine Architektur der Aymara-Bourgeoisie

Cholets - neoandische Architektur

Im Laufe seiner Geschichte hat El Alto Tausende von Migranten aus den ländlichen Gebieten Boliviens aufgenommen. Daher haben die mehr als fünfzig Jahre des stetigen Wachstums in dieser Stadt eine neue obere Mittelschicht von Aymaras entstehen lassen.

Diese neue Gesellschaftsschicht sah in Freddy Mamani (und seinen Dienstleistungen) ein außergewöhnliches Talent. Seine Arbeit spiegelt die aymaranische Identität, Kultur und Architektur wider. Freddy Mamani erklärte seine Arbeit so: „Ich möchte meiner Stadt eine Identität geben, indem ich die Elemente unserer ursprünglichen Kultur wieder zum Leben erwecke.“

Die Bezeichnung Cholet ist eine Mischung aus den spanischen Worten „Chalet“ (ein ländlicher Haustyp) and „Cholo“ (einem Begriff der nationalen Identität).  Diese Cholets prägen heute das Hochland der Anden. Diese Gebäude haben an den Außenwänden große Glasfenster und die Fassaden sind sehr opulent und üppig mit Kunststoff-Kompositionen dekoriert.

Außerdem sind die Außenwände mit spontanen und modernen geometrischen Motiven verziert, die in leuchtenden komplementären Farben erstrahlen. Die häufigsten Farben, die zum Einsatz kommen, sind Orange, Grün, Blau und Gelb.

Die Aymaraner glauben, dass Häuser ein Universum sind, das permanent in Bewegung ist und niemals still stehen sollte. Daher müssen diese Gebäude durch viele Feste auch stets voller Leben sein. Darüber hinaus sorgen diese Feste auch für Wohlstand und dieser wiederum hilft der Gemeinschaft. Daher sind Cholets häufig Gebäude, die unterschiedlichen Zwecken dienen.

 

Diese beinahe psychedelisch wirkenden Bauten sind von den Farben der Aguayos inspiriert. Aguayos sind Dekostoffe, die die amayaranischen Frauen für verschiedene Zwecke benutzen.

Allerdings erhielt Freddy Mamanis Architektur nicht nur Lob und Bewunderung. Da er bei seiner Suche nach den kulturellen Wurzeln der Aymara nicht die akademischen Standards befolgte, wurde er dafür auch scharf kritisiert. Allerdings hat diese Kritik den Architekten offensichtlich nicht beeindruckt, denn er äußerte daraufhin: „Ich habe die alten architektonischen Normen gebrochen und ja, ich bin schuldig.“

Cholets und ihre Architektur: Ausdruck der aymaranischen Identität

Cholets - Aymara Identität

In der aymaranischen Kultur gibt es immer einen Grund zum Feiern. Wenn indigene Völker in die Städte ziehen, nehmen sie auch ihre kulturellen Traditionen mit sich.

Die Festsäle in Freddy Mamanis Entwürfen sind perfekt dazu geeignet, diese Traditionen am Leben zu halten. Daher ist ihm etwas wirklich Großartiges gelungen, als er Architektur dazu benutzte, um den typischen Sitten der Aymara ein Zuhause zu geben,

Diese Fest- und Ballsäle sind groß und sehr hoch. Es befinden sich dort Bars, Essbereiche, Tanzflächen und Bühnen für Musikgruppen. Außerdem reflektieren Spiegel das Licht von den Wänden und den Decken. Darüber hinaus verfügen diese Säle über hängende Leuchten, die aus China importiert wurden.

 

Diese Festsäle befinden sich im ersten Stock der Cholets. Die anderen Etagen sind vermietet. Meistens sind die Mieter die Kinder der Hausbesitzer. In jedem Fall sind die öffentlich zugänglichen Bereiche des Gebäudes stets sehr gepflegt. Und die schönen Außenwände der Cholets verbinden alle Etagen miteinander.

Cholets – weltweite Anerkennung für diese opulente neoandine Architektur

Cholets - opulente Säle

Erst vor wenigen Jahren erschien ein Dokumentarfilm über das Leben und die Arbeit von Freddy Mamani. Der Film Cholet: the world of Freddy Mamani (auf Deutsch: Cholet: Die Welt des Freddy Mamani), war beim Dokumentarfilmfestival in Rotterdam erfolgreich. Regie führte Isaac Niemand.

Darüber hinaus wurde Mamani von der Cartier Foundation beauftragt, einen Raum für eine Anden-Party im Rahmen ihres Nomadic Nights Events 2018 zu kreieren. Diese Veranstaltung war der Moment, in dem Mamani wirklich glänzen konnte. Er konnte die El Alto-Kultur nach Paris bringen und seine Cholets dort auf der internationalen „Ruhmeswand“ verewigen.

Auch die bolivianische Kulturstiftung der Zentralbank organisierte eine Ausstellung von Freddy Mamanis Werken im Nationalen Kunstmuseum von La Paz. Nach der ersten Station in La Paz wurde diese Ausstellung auch in anderen bolivianischen Städten wie Sucre, Potosi und Santa Cruz gezeigt.

 

Die Cholets zeigen die opulente neoandische Architektur in ihrer ganzen Pracht und sind der Schatz, der bei der Suche nach der aymaranischen Kultur gefunden wurde. Die kulturelle Identität der Aymara hat dank Freddy Mamanis Arbeit eine neue Ausdrucksform gefunden. Die Cholets sind ein frischer künstlerischer Ausdruck und bereichern die gesamte lateinamerikanische Kunst.